„Aus der Not eine Tür machen“

Das erste Mal habe ich von Van Bo Le-Mentzel gehört, als überall in den Medien die Rede von so genannten Hartz IV Möbeln war. „Build More, Buy Less – Konstruieren statt Konsumieren“, eine Do-It-Youself (DIY) Anleitung für jedermann. Die Idee dahinter: wenn man kein Geld für Möbel hat, baut man sich diese einfach selbst. Simple Anleitungen, wenig Material, minimalistisches Design (mehrfach verwendbar), bequem und hübsch anzusehen, Genial!

Van Bo kommt ursprünglich aus Laos, lebt in Berlin, ist Diplom-Ingenieur und Architekt von Beruf und heute eine der bekanntesten und innovativsten Persönlichkeiten Deutschlands! Seine positive Art steckt an. Menschen, die mit Van Bo zusammenarbeiten, schwärmen von seiner einzigartigen Fähigkeit, alltägliche Probleme stets kreativ zu lösen. Man nennt ihn auch den Karma-Ökonom, er hat beispielsweise Fairtrade Sneakers kreiert, die man mit gutem Gewissen tragen kann: Karma-Chukhs – sind ein erfolgreiches Crowdfounding-Projekt.

Heute abreitet er beispielsweise an ganzen Wohnprojekten (100-Euro-Wohnung oder den Co-Being-Houses, usw.). Er ist Künstler, Autor (Der Kleine Professor, Ecowin), Redner, Motivator, Vater, Gastprofessor und mittlerweile sogar Lehrer an einer Gesamtschule. Ich könnte noch viele andere tolle Ideen aufzählen – davon gibt es einige! Aber vielleicht fragen wir ihn einfach mal selbst …

Van Bo es gibt das Sprichwort „aus der Not eine Tugend machen“. Würdest Du das als Roten Faden für Deine Projekte betrachten?

Van Bo: (lacht) Hm, aus der „Not eine Tür machen“ trifft es auch ganz gut. Wir haben zum Beispiel kürzlich in Notunterkünften altes Holz verbaut und kleine Minihäuser für und vor allem mit den Geflüchteten geschaffen. Endlich konnte mal eine Tür hinter sich zumachen! Durch diese Aktivität haben sie sich gebraucht gefühlt und das hat einigen die Tür zum Berliner Arbeitsmarkt geöffnet.

Man liest ja vor allem von sog. Tiny Houses. Du arbeitest an einer 100-Euro-Wohnung. Was genau kann man sich darunter vorstellen? Wie funktioniert das Leben auf etwa 6,4 qm? Und wie viel Platz braucht ein Mensch tatsächlich zum Leben & Wohlfühlen?

Van Bo: Die 100-Euro-Wohnung ist eine von sieben Wohnungstypen in einem utopischen Gemeinschaftshaus namens „Co-Being House“. Die größte Wohnung ist 300 qm groß und die kleinste eben nur  6,4 qm. Letzt genannte kostet ca. 100 Euro warm (erfahre hier mehr über den Bauhauscampus Berlin). Was glücklich macht ist aber nicht die Summe der Quadratmeter, sondern die Wahlmöglichkeiten zwischen Autonomie und Gemeinschaft. Jeder hat seine eigenen vier Wände mit einem eigenen Bad und einer eigenen Küche und zugleich Zugriff auf einen Gemeinschaftszimmer, welches im Grunde der Korridor ist. Wir haben diesen Korridor beabsichtigt 360 cm in die Höhe gebaut und mit schönen Fenstern versehen, was in Deutschland eher unüblich ist.

Seit einigen Wochen bist Du außerdem als Lehrer in einer Gesamtschule tätig. Welche Erfahrungen hast Du bis dato gesammelt?

Van Bo: In dieser Schule sind die Schüler*innen zu 98% so genannte People Of Color: Schwarze, Asiaten, Araber, Kurden, Bulgaren, Türken usw. Und im Lehrerkollegium ist das genau umgekehrt. 90% von Ihnen sind Einheimische und haben kaum einen persönlichen Bezug zum Islam oder zu Postkolonialen Szenen. Diese Diskrepanz führt manchmal zu Spannungen, die ich als Neuling wenig beeinflussen kann. Alles was ich tun kann, ist, die vielen Schüler*innen mit ihren Talenten anzuerkennen und sie zu ermutigen sich selbst nicht aufzugeben. Das gelingt mir leider nicht so oft, wie ich es gerne hätte.

Van Bo – Du bist ein Vorbild, wenn es darum geht, öfters mal über den Tellerrand hinauszuschauen, Dinge kreativ anzupacken, Regeln auch mal zu brechen, andere Wege zu gehen. Hast Du ein paar Tipps, wie uns das im Alltag am besten gelingt?

Van Bo: Ja, so genannte „Systembomben“ werfen. Das sind Verhaltensmuster, die vollkommen unlogisch sind und dich selbst überraschen. Zum Beispiel, wenn dir jemand eine Ohrfeige gibt – im metaphorischen Sinne –  Schlag nicht zurück, sondern halt die andere Seite hin.

Und wie geht man bestenfalls mit Niederlagen um? Woher nimmst Du die Kraft, die Stärke und Deine ständige Motivation?

Van Bo: Meine Frau und meine Kinder sind meine Quelle für Glück und Kraft. Unser erstes Kind ist mittlerweile fast vier Jahre alt. Von ihm habe ich soviel gelernt, dass ich ihn den kleinen Professor nenne.

Ja, nicht nur Du bist (Gast-) Professor – Du siehst in Deinem Sohn den größten Lehrer (des Lebens). Welche der 34 Lehren Deines Kindes (zusammengefasst im bereits erwähnten Buch Der kleine Professor) sind die drei Wichtigsten Deiner Meinung nach?

Van Bo: Ich lernte anders zu sehen. Ich lernte viel über die Kraft des Gebens und vor allem des Vergebens.

 

INFO

Der kleine Professor – 34 Dinge, die mich mein Sohn über das Leben, die Lebe und die Welt lehrte (ecowin Verlag)

„Vor fast drei Jahren kam unser erstes Kind auf die Welt.“ So beginnt Van Bo sein aktuelles Buch. Doch bevor sein Sohn zur Welt kam, so berichtet er weiter, hatte sich viel Wut bei ihm  angesammelt. Van Bo sagt weiter, „ich war sehr zornig und habe mich mit der ganzen Welt angelegt, so kam es mir vor. Außer mit meiner Frau natürlich. Die hätte aus mir sofort eine Tasche gemacht. Eher mit der restlichen Welt.“

Und dann wurde er eines Besseren – oder sagen wir – von jemandem eines Besserem belehrt, seinem Sohn, den er fortan einen kleinen Professor nennt. Durch ihn änderte sich seine Sichtweise auf viele Dinge. Während der Kleine heranwächst und die Welt erkundet, lernt der junge Vater mit, lässt sich von seiner Begeisterung anstecken, wird nachdenklich, achtsam, dankbar. Ein lohenswertes Buch, nicht nur für Väter, Mütter oder werdende Eltern.

 

Vielen Dank für das Gespräch Van Bo – und wir freuen uns auf weitere tolle Projekte von Dir, wie man die Welt ein kleines Stück besser macht 🙂

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