In lauter Trauer

Loslassen von Überflüssigem und Unwichtigem, von Ballast und von negativen Gedanken, von unliebsamen Gewohnheiten oder Menschen mit negativem Einfluss … ist in der Tat befreiend, kann Freude bereiten und ist sogar gesund! Loslassen kann aber auch eines der schwierigsten Dinge im Leben sein – nämlich dann, wenn man sich von Liebgewonnenem unfreiwillig – oft plötzlich – verabschieden muss! Das kann der Jobverlust, ein Beziehungsende oder gar der Tod zu einem geliebten Menschen sein. Dann ist Loslassen mit tiefer Trauer, einem Gefühlschaos, einem Ohnmachtsgefühl oder gar Schmerz verbunden! Aber auch diese Erfahrung ist Bestandteil des Lebens! Nichts ist beständig, alles ist vergänglich, sagte schon Buddha. Gleichzeitig wissen wir auch, jedes Leid geht vorbei – wir wollen es  oft nur nicht wahrhaben! Unfreiwilliges Loslassen kann einen aus der Bahn werfen, zu Boden drücken, einem die letzte Lebenskraft nehmen.

 

 

Wie geht man mit diesen überwältigenden Gefühlen um?
Wo schöpft man wieder Kraft? Was kann man tun?

Wer loslässt, muss nicht alleine – und erst recht nicht leise trauern! Darüber reden kann den Prozess der Heilung fördern. Mehr noch: Man kann sich gegenseitig aufhelfen, sich Mut machen, inspirieren und neue Wege finden.

Silke ist eine solche Frau – die kürzlich loslassen musste, aber auch wieder Kraft schöpfte und heute unzählig vielen Menschen dabei hilft, „Loslassen“ zu lernen. Die damalige IT-Produktmanagerin Silke verlor vor wenigen Jahren ihren Lebenspartner bei einem gemeinsamen Aufenthalt in Nepal. Nach einer Auszeit entschied sie sich für eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin, die sie heute mit voller Überzeugung ist. Sie ist Betreiberin der Website In lauter Trauer – wo Trauer Gehör findet! Aber erzähl doch mal vielleicht selbst, liebe Silke. Wie bist Du zu der Person geworden, die Du heute bist:

Warum „in lauter Trauer“? Und wie genau machst Du Dich bemerkbar?

Silke: Nach Julians Tod habe ich erfahren, welch großes Tabuthema der Tod und die Trauer in unserer Gesellschaft ist. Ich selbst und auch mein Umfeld waren ganz plötzlich damit konfrontiert und hatten keine Ahnung, wie wir damit umgehen sollten. Ich war erst 30 Jahre alt und um mich herum gab es keine Menschen mit ähnlichen Erfahrungen. Für mich war es eine große Belastung, dass Menschen sich zurückgezogen haben, oft weil sie dachten, ich bräuchte jetzt Ruhe zum Trauern, weil sie unsicher waren oder Angst hatten. Im Kontakt mit anderen Trauernden habe ich dann erfahren, dass es nicht nur mir so ging. Häufig fühlen sich Trauernde sehr alleingelassen und zu dem ursprünglichen großen Verlust kommen viele weitere, kleinere Verluste hinzu. Bei mir entstand das Bedürfnis, einen Beitrag dazu zu leisten, dass sich diese Situation ändern kann, dass in unserer Gesellschaft wieder ein natürlicherer Umgang mit Tod und Trauer entstehen darf.

Richtig geärgert hatte ich mich schon länger über die gängigen Beileidskarten, auf denen oft „In stiller Trauer“ zu lesen ist. Ich habe mich gefragt, was das wohl soll mit dieser stillen Trauer. Warum sollte Trauer still sein? Da passiert etwas, was das ganze Leben durcheinander schmeißt, da erleben wir großen Schmerz, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit und all das sollen wir dann still ertragen? Ist es nicht viel natürlicher, dass man darüber reden und damit nicht allein sein möchte? Zu Julians drittem Todestag hat mir dann eine Freundin eine solche Beileidskarte geschenkt, „stiller“ durchgestrichen und „lauter“ darüber geschrieben. So war der Name meines Blogs geboren. Ich schreibe dort über die Trauer, wie ich sie erlebe und lade zum Gespräch über Trauer, Tod und Leben ein. Bemerkbar mache ich mich über den Blog In lauter Trauer, auf Facebook, Twitter und zuletzt über die Aktion „Alle reden über Trauer“ auf meinem Blog, bei der ich deutschlandweit dazu aufgerufen habe, über Trauer zu schreiben. Insgesamt 100 Beiträge auf ganz verschiedenen Webseiten sowie bei mir im digitalen Ausstellungsraum sind dabei zusammen gekommen. Die große Resonanz zeigt mir, wie wichtig das Thema ist und wie viele Menschen es bewegt.

„In lauter Trauer“ heißt für mich, dass über Trauer gesprochen werden darf, dass sie auch im „normalen“ Leben ein ganz normaler Bestandteil sein darf. Weil sie doch einfach dazugehört und jeder irgendwann einmal davon betroffen ist.

Wie gelingt Loslassen – wenn man es „unfreiwillig“ vielleicht abrupt
und überraschend, plötzlich muss?

Silke: Ich finde den Begriff „Loslassen“ im Zusammenhang mit Tod und Trauer immer etwas schwierig. Viele Trauernde reagieren sehr gereizt auf dieses Wort. Es klingt, als müsse man den Verstorbenen einfach ins Nichts entlassen, sich komplett von ihm lösen, ihn womöglich vergessen. Ältere Trauermodelle suggerieren genau das: Ziel der Trauer sei es, den Verstorbenen sozusagen hinter sich zu lassen, die Gefühle von ihm abzulösen, um sich dann neu orientieren zu können im Leben.

Ich verwende lieber den Begriff „Gehenlassen“ oder „Seinlassen“. Es geht nicht darum, den Verstorbenen zu vergessen und aus dem eigenen Leben zu streichen.

Auch wenn ein Mensch ganz plötzlich und unerwartet gestorben ist, heißt das nicht, dass man ihn so schnell wie möglich loslassen muss. Trauer braucht Zeit und verläuft bei jedem Menschen anders. Ziel der Trauer ist es nach meinem Verständnis, die Liebe zum Verstorbenen zu bewahren und eine neue, innere Art der Beziehung zu ihm aufzubauen. Trauer ist Ausdruck der Liebe zum Verstorbenen und eine ganz natürliche Fähigkeit unserer Seele, mit Verlusten umzugehen. Die Erinnerungen dürfen bewahrt werden und eine Verbindung zum Verstorbenen kann weiter bestehen bleiben. Wir können ihn dahin gehenlassen, wo er nun ist – was auch immer wir glauben wo das ist. Natürlich gehört es dann dazu – und das ist der schmerzhafte Teil der Trauer – , Schritt für Schritt zu realisieren, dass dieser Mensch, der eben noch da war, nun nicht mehr da ist, dass das Leben nun ohne ihn weitergehen wird. Loslassen müssen wir also den Menschen in seinem Körper, als reales Gegenüber, das nun nicht mehr da ist. Loslassen können wir auch irgendwann Schuldgefühle, die Frage nach dem Warum oder die Gedanken an Ungerechtigkeit, die zunächst ganz normal sind.

Wie das alles gelingt, lässt sich meiner Meinung nach nicht pauschal sagen. Es gibt keine Bedienungsanleitung für die Trauer und der Weg hindurch ist immer ganz individuell. Das Wichtigste ist die Zeit und der Raum für die Trauer und alle Gefühle, die dazu gehören. Und irgendwann gelingt das Annehmen von dem, was ist. Ich möchte aber noch einmal betonen, dass das wirklich Zeit braucht. Früher gab es das Trauerjahr, heute wird oft nicht einmal das berücksichtigt. Bei schweren Verlusten reicht es meistens gar nicht aus. So darf es auch eine Zeit geben, in der sich Trauernde nach ihrem Verlust gegen das Loslassen wehren und das, was passiert ist, einfach nicht wahrhaben wollen. Auch das ist völlig okay und gehört meist dazu.

Was hast Du in der Phase des Loslassens für Dich gelernt?

Silke: Das ist gar keine leichte Frage. Ich habe so viel gelernt in den vergangenen Jahren, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Das Wichtigste, was ich wohl gelernt habe, ist, dass der Tod ganz real ist. Er trifft uns alle früher oder später – nicht nur „die anderen“. Ich habe viel über Vergänglichkeit gelernt und dass nichts selbstverständlich ist. Ich habe gelernt, dass alles jederzeit vorbei sein kann und dass es Dinge im Leben gibt, auf die wir keinen Einfluss haben. Sie geschehen einfach, ob wir wollen oder nicht. Wir können noch so ein guter Mensch sein oder alles richtig machen, was auch immer das bedeutet. Diese Dinge geschehen trotzdem.

Was ich aber auch gelernt habe, ist, dass wir immer eine Wahl haben. Egal wie klein sie scheint, egal wie ausweglos alles erscheint, es gibt immer eine Wahl. Wir können uns zum Beispiel dafür entscheiden, trotzdem weiterzuleben. Jeden Tag aufs Neue. Und dann irgendwann können wir uns dazu entscheiden, mit dem, was uns geschieht, Frieden zu schließen.

Und dann habe ich Dankbarkeit gelernt. Das Wort „dankbar“ war vorher nicht in meinem aktiven Wortschatz, jetzt verwende ich es ständig. Und vor allem fühle ich es. Nichts ist selbstverständlich und das macht mich umso dankbarer für das, was da ist.

Durch das Akzeptieren des Todes, das Zulassen meiner Gefühle und das schrittweise Loslassen von alten Glaubenssätzen und meiner früheren Lebenseinstellung, spüre ich, wie ich innerlich immer freier werde. Und dieser Weg ist noch lange nicht beendet.

 

 

 

Wie ist es Dir gelungen, aus Loslassen ein Zulassen zu kultivieren?
Woher nimmst Du die Kraft, Mut & Stärke?

Silke: Diese Kraft war einfach da, von Anfang an. Ich glaube, sie kommt tief aus meinem Inneren und ich glaube auch, dass jeder von uns eine solche Kraftquelle in sich trägt. Die Frage ist eher, wie wir den Zugang dazu kriegen können. Wenn ich so zurückblicke frage ich mich manchmal selbst, wie ich das geschafft habe. So eine Katastrophe, mein Leben in Scherben und ich gehe dennoch irgendwie weiter. Mir ist es aber auch wichtig zu sagen, dass das ein ganz anstrengender, langer Weg war.

Ich finde es immer wieder schwierig, wenn man solche Geschichten liest von Menschen, die einen Schicksalsschlag erlitten haben und dann daran gewachsen sind und mit einer großen Kraft daraus hervorgehen. Oft wird es so dargestellt, als wäre das ganz einfach und schnell gegangen und das kann hohe Erwartungen wecken und Trauernde leicht unter Druck setzen. Am Anfang ist es einfach nur sehr mutig und stark, überhaupt weiter zu existieren. Das reicht erstmal, da braucht es keine größeren Schritte. Und die gab es anfangs auch bei mir nicht. Ich lag am Boden, nichts ging mehr, ich war körperlich und psychisch wirklich am Ende.

So ging es wohl zunächst einmal darum, diesen Zustand überhaupt auszuhalten und zuzulassen für mich. Mir blieb eigentlich gar nicht viel anderes übrig, als aufzugeben und mich auf den Schmerz einzulassen. Ich glaube, es gibt keinen dauerhaften Weg am Schmerz vorbei. Ich musste durch ihn hindurchgehen, um jetzt mit neuer Kraft und Stärke am anderen Ende wieder herauszukommen.

Und ich hatte ganz großartige Unterstützung auf meinem Weg. Gleich nach Julians Tod die Menschen in Nepal, die mir zur Seite standen, meine Freundin, die mich dort abgeholt hat, meine Eltern, bei denen ich unterschlüpfen konnte, Freunde, die einfach da waren. Und dann auch Hilfe von Therapeuten, bei zwei Aufenthalten in einer psychosomatischen Klinik, durch Trauerbegleitung und Trauergruppe. Im Grunde sind mir immer wieder die richtigen Menschen begegnet und ich bin ganz dankbar, dass ich es dann auch zulassen kann und konnte, mich von ihnen unterstützen zu lassen. Niemand muss ganz alleine aus sich selbst heraus die Stärke haben, mit einem solchen Schicksalsschlag umzugehen und auch noch daran zu wachsen.

Nicht zuletzt hat mir eine Form der Spiritualität geholfen, die ich durch Julians Tod für mich entdeckt habe. Ich durfte lernen, mehr und mehr zu vertrauen, dass hinter all dem sowas wie ein Sinn steckt, den ich in diesem Leben nicht begreifen muss.

Liebe Silke, welche Hilfe bietest Du persönlich trauernden Menschen?

Ich biete Begleitung auf dem Weg durch die Trauer an. Das bedeutet für mich, dass ich in allererster Linie da bin und einen Raum öffne, in dem alles sein darf, was da ist. Ich helfe Trauernden dabei, ihre Trauer auszudrücken oder überhaupt erst einmal kennenzulernen und dann ihren ganz persönlichen, eigenen Weg hindurch zu finden. Ich helfe ihnen dabei, die Gefühle zu fühlen, die gefühlt werden wollen. Wie gesagt bin ich davon überzeugt, dass wir alle diese Kraftquelle in uns haben und auch ein Wissen darüber, was es braucht für uns, was gut für uns ist. Ich helfe Trauernden dabei, Zugang zu sich selbst zu finden und unterstütze sie dann dabei, diesem inneren Wissen zu folgen. Für mich gibt es da keine Regeln, kein „richtig“ oder „falsch“. Mit meiner eigenen Erfahrung, meinem Wissen aus der Ausbildung zur Trauerbegleiterin und den Fortbildungen, die ich besuche, stehe ich Trauernden zur Seite. Ich biete meine Unterstützung als Einzelbegleitung sowohl per Telefon, Skype und Email als auch persönlich vor Ort an. Außerdem biete ich Gruppen in Frankfurt und der Wetterau an.

Natürlich ist auch mein Blog ein Angebot für trauernde Menschen. Hier können sie meine Texte lesen und vielleicht Trost, Bestätigung oder das Gefühl, verstanden zu werden finden. Jeder kann sich das rausziehen, was er für sich gerade benötigt.

 

Liebe Silke. Ich danke Dir für Deine Offenheit, Dein unerschütterliches Engagement und dafür, dass Du Dir die Zeit für dieses Gespräch genommen hast. Weiterhin wünsche ich Dir  alles Gute auf Deinem Weg und freue mich, Deine Bekanntschaft gemacht zu haben. Vielen Dank! 

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